Leseprobe
Die Kompromisslosen
Mit zitternden Händen zog sie ihre Joggingschuhe an. Sie musste raus hier. Sie musste das aufgestaute Adrenalin, das ihren Blutkreislauf zu überfluten drohte, loswerden. So schnell sie konnte, rannte sie los. Ihre Füße trommelten ein wildes Stakkato auf den asphaltierten Feldweg, der den Hügel hoch zu ihrer Lieblingsbank führte. Normalerweise unterbrach sie ihren Lauf hier für ein paar Minuten, aber diesmal wollte sie keine Pause, wollte nicht verschnaufen und das Gedankenkarussell in ihren Kopf wieder Fahrt aufnehmen lassen. Als sie fast auf dem Scheitelpunkt des Hügels angekommen war, fing es an zu regnen. Die dunklen Wolken am westlichen Himmel hatte sie bis dahin gar nicht wahrgenommen. Der heftige Wind, der wie aus dem Nichts aufgezogen zu sein schien, peitschte ihr dicke Regentropfen ins Gesicht, die sich mit ihren Tränen vermischten. Sie blieb abrupt stehen, schaute zum Himmel hinauf und schrie dem Wettergott ihre verzweifelte Wut entgegen. Plötzlich wurde es gleißend hell. Den unmittelbar folgenden Donner hörte Lilli nicht mehr.
Er bejaht und während sie sich an dem Heißgetränkeautomaten, der in die Wand neben der Tür integriert ist, zu schaffen macht, nutzt er die Gelegenheit, sie genauer zu betrachten. Die Kameras der Großmonitore neben der Bühne haben sie während des Auftritts bei ihren Gitarrensoli oft im Visier gehabt. Auf der Bühne konnte sie ihre Gefühle nicht verstecken. Die expressive Musik mit ihren starken und nuancenreichen Emotionen hatte sich in ihrem Gesichtsausdruck widergespiegelt. Aber jetzt erscheint ihr Gesicht völlig ausdruckslos. Auf seine Frage, ob die Augenklappe zum Bühnenkostüm gehöre, hatte sie mit Nein geantwortet. Ob sie wirklich nur ein Auge hat? Was er für ein Tattoo gehalten hat, was sie aber als Lichtenberg-Figur bezeichnete, scheint von dem möglicherweise nicht existierenden Auge unter der goldenen Klappe auszugehen. Schwarz-rote Linien, die sich wie verästelnde Zweige eines Baumes über die rechte Gesichtshälfte, die Stirn hinauf und den Hals hinunter ziehen. Sie trägt ein schwarzes, ärmelloses Top, einen kurzen schwarzen Rock und wadenlange Stiefel. Die rechte Schulter und der Arm, sowie das, was er von ihrem rechten Bein sehen kann, zeigen die gleichen sich verzweigenden Linien. Er überlegt, dass wahrscheinlich die gesamte rechte Körperseite davon überzogen ist. Und findet den Gedanken mehr als interessant. Ihre Haare sind hüftlang, glatt und silbergrau. Gefärbt oder natürlich? Auf jeden Fall bilden sie einen interessanten Kontrast zu ihrem linken Auge, das fast golden aussieht. Jeder, der sie so auf der Bühne sieht, würde das Ganze für ein Bühnenoutfit halten, da ist sich Adam sicher. Er starrt sie noch gedankenverloren an, als sie mit seinem Kaffee zum Tisch kommt.
Ein pinker Gummifetzen schwebt wie in Zeitlupe, verlangsamt durch die warme Abluft der Beleuchtung, vor Nerthus herab. Es sieht aus wie ein Stück des kaputten Luftballons, den sie beim Betreten der Bühne im Gerüst des Aufbaus wahrgenommen hat. Der zunehmende Wind hätte den ganzen Luftballon losreißen können, aber nicht nur ein kleines Stück des elastischen Materials. Ein zunehmender Wind, der die Arbeit eines Scharfschützen schwieriger machen würde. Nerthus schaut auf und die Zeit scheint sich zu verlangsamen, sie blickt auf ein Meer von Tausenden von Lichtern und hinter den kalten weißen Lichtern der Handys sieht sie einen goldenen Blitz. Den Blitz eines Mündungsfeuers und sie reißt ihren Kopf nach links.
